„Hast Du das mit KI gebaut?“ – Nicht ganz.

Es war kein „Ich gründe jetzt ein Gamestudio“-Moment. Eher so ein typisches Entwickler-Ding: „Das müsste man doch mit KI mal eben bauen können!“

Wenige Wochen später läuft das Spiel als PWA direkt im Browser und steht zum Kauf im Apple AppStore für alle Apple-Geräte (inkl. Mac) . Das Spiel habe ich in Retro-Game-Nostalgie Pipeorama genannt.

Und ja: Ein großer Teil davon ist mit KI entstanden. Oder genauer gesagt: mit dem, was mittlerweile alle Vibe Coding nennen.

Vorab: Ich habe schon früher einige Spiele programmiert, aber ich habe bisher noch nie erlebt, dass sich aus einer Idee so schnell etwas Spielbares bauen lässt. Dinge, die früher Tage gekostet hätten, waren plötzlich in Minuten da. UI-Komponenten, Spiellogik, Animationen, State-Handling, fixen von Bugs – vieles ließ sich fast dialogartig entwickeln.

Aber gleichzeitig habe ich bei diesem Projekt etwas gelernt, das in vielen KI-Hype-Posts komplett untergeht: Die KI ersetzt den Menschen nicht.

Und ausgerechnet an einer Stelle wurde das brutal offensichtlich: beim Leveldesign. Aber dazu später mehr. 

Warum Vibe Coding plötzlich so mächtig geworden ist

Das Faszinierende an Vibe Coding ist nicht, dass die KI perfekten Code schreibt. Das tut sie nämlich nicht.

Die eigentliche Stärke liegt woanders: Geschwindigkeit.

Man beschreibt eine Idee grob, bekommt sofort eine erste Umsetzung, iteriert ein paar Mal und hat plötzlich funktionierenden Code. Dieser kreative Fluss fühlt sich teilweise großartig an.

Gerade bei kleinen bis mittleren Projekten verändert das die Dynamik komplett.

Früher hatte man oft diese Hürde zwischen Idee und Umsetzung:
„Lohnt es sich überhaupt, das anzufangen?“

Heute kann man innerhalb weniger Stunden sehen, ob eine Idee trägt (Rapid Prototyping / MVP). Ob es Sinn macht, sich überhaupt weiter damit zu beschäftigen. Und bei Pipeorama war genau das der Fall. 

Das Grundprinzip des Spiels stand erstaunlich schnell. Selbst komplexere Dinge wie Animationen oder das Verhalten einzelner Pipe-Elemente waren mit KI-Unterstützung deutlich schneller gebaut als früher. Und das Spiel machte sofort Spaß (nicht nur mir), also machte ich weiter. 

Ab diesem Zeitpunkt fühlte sich die Arbeit daran an, als würde man mit einem sehr schnellen Junior-Entwickler pair-programmieren. Einer, der nie müde wird, aber manchmal komplett absurde Entscheidungen trifft.

Und genau da beginnt der Teil, über den viel zu selten gesprochen wird.

KI ist schnell. Aber nicht intelligent.

Der größte Irrtum rund um Vibe Coding ist wahrscheinlich die Vorstellung, dass KI „das Projekt baut“.

In Wahrheit habe ich mit 4 verschieden KIs parallel gearbeitet und die Ergebnisse bewertet, verfeinert, wieder verworfen und geschickt kombiniert. Man fühlt sich also eher wie ein Dirigent, Ideen haben und Entscheidungen treffen muss man trotzdem selbst.

Eine weitere Erkenntnis: Ohne eine klare Architektur-Idee und technischen Sachverstand im Bereich Web wird ein solches KI-Projekt erstaunlich schnell chaotisch.

Das merkt man meistens nicht am Anfang. Die ersten Tage fühlen sich magisch an. Alles geht schnell. Features entstehen quasi nebenbei. Man hat das Gefühl, dass man „einfach weitermachen“ kann.

Und plötzlich sitzt man vor einem Code-Teil, den die KI dreimal unterschiedlich umgesetzt hat, mit widersprüchlichen Zuständen, seltsamen Abhängigkeiten und einem Bug, den niemand mehr versteht.

Ein typischer Moment aus dem Projekt war ungefähr:
„Warum funktioniert das eigentlich? Keine Ahnung. Aber lieber nichts anfassen!“

Und erfahrungsgemäß ist das kein gutes Zeichen.

Je schneller Entwicklung wird, desto wichtiger wird also Architektur, nicht weniger wichtig. Und genau hier liegt auch die natürliche Grenze des Produktivitätsgewinns durch KI-unterstütztes Programmieren.

Gerade bei der Entwicklung von Spielen merkt man das extrem schnell, weil dort viele Systeme ineinandergreifen: Rendering, Spielzustand, Eingaben, Animationen, Progression, Sound, Speicherstände, Performance.

Die KI hilft beim Bauen. Aber sie plant nicht sinnvoll voraus.

Der überraschendste Moment im ganzen Projekt

Das Verrückteste an Pipeorama war am Ende nicht das Spiel selbst. Es war der Level-Designer. Und den habe ich fast mit einem einzigen Prompt gebaut.

Ironischerweise brauchte ich ihn genau deshalb, weil die KI beim eigentlichen Leveldesign komplett versagt hat.

Die KI konnte problemlos technisch korrekte Level erzeugen:

  • Pipes verbinden

  • gültige Lösungen generieren

  • Regeln einhalten

Aber die Ergebnisse waren langweilig. Nicht kaputt. Nicht falsch. Einfach langweilig. Und das macht den riesigen Unterschied.

Denn gute Puzzle-Level entstehen nicht dadurch, dass sie „lösbar“ sind. Sie brauchen Rhythmus. Überraschung. Kleine Sackgassen. Momente, in denen man kurz zweifelt und dann doch die Lösung erkennt.

Menschen merken intuitiv, wann sich ein Puzzle gut anfühlt. Die KI offensichtlich nicht.

Viele automatisch generierte Level wirkten wie mathematische Übungen. Technisch korrekt, aber ohne Spannung. Ohne Eleganz. Ohne diesen kleinen „Ahh“-Moment.

Also habe ich irgendwann aufgehört, die KI die Level bauen zu lassen und stattdessen ein eigenes Tool gebaut, mit dem ich die Level selbst gestalten konnte.

Und genau dieses Tool entstand fast absurd schnell. Das war vermutlich der Moment, in dem mir klar wurde, wo KI aktuell wirklich stark ist:

Nicht beim kreativen Urteil. Sondern beim Beschleunigen von Werkzeugen.

Was bedeutet KI konkret für Entwickler?

Ich glaube, viele unterschätzen gerade, wie sehr sich Softwareentwicklung verändert. Aber Entwickler werden nicht verschwinden, sondern die Gewichtung verschiebt sich.

Der reine Schreibaufwand für Code wird für den Entwickler natürlich kleiner. Dafür werden viele andere Fähigkeiten – insbesondere durch den enormen Produktivitätsgewinn – wichtiger:

  • Architekturverständnis

  • Produktdenken statt reiner Feature-Entwicklung

  • Verständnis für Nutzer- und Kundenbedürfnisse

  • UX- und Interface-Gespür

  • Strukturierte Problemlösung

  • Fähigkeit, komplexe Systeme gedanklich zu durchdringen

  • Priorisierung und Fokus auf das Wesentliche

  • Systemisches Denken und saubere Abhängigkeiten

  • Kreative Entscheidungsfähigkeit

  • Technisches Urteilsvermögen statt blinder KI-Gläubigkeit

  • Fähigkeit, Qualität zu erkennen – nicht nur Output zu erzeugen

Die eigentliche Herausforderung ist nicht mehr unbedingt: „Kann ich das bauen?“

Sondern eher: „Was sollte überhaupt gebaut werden? Und Wieso?“

Und das merkt man bei Games besonders brutal.

Der Zeitgewinn ist real – aber die Arbeit verschwindet nicht

Trotzdem wäre es völlig falsch zu behaupten, dass Vibe Coding nur Hype ist. Der Zeitgewinn ist enorm.

Pipeorama hätte ohne KI wahrscheinlich deutlich länger gedauert. Manche Dinge wären vielleicht nie entstanden, einfach weil die Umsetzung zu aufwendig gewesen wäre.

Aber „schneller“ bedeutet nicht „ohne Aufwand“.

Auch mit KI sind etliche Stunden in das Projekt geflossen. Entscheidungen, Refactoring, Debugging, Feinschliff, UX-Anpassungen, Architekturfragen, Testing, Deployment – all das bleibt bestehen.

Vielleicht sogar mehr als früher.

Denn wenn plötzlich alles schnell baubar wird, steigt automatisch die Zahl der Möglichkeiten. Und damit auch die Zahl der schlechten Entscheidungen.

KI macht Entwicklung schneller.

Aber gute Software entsteht trotzdem nicht zufällig.

Fazit: Vibe Coding ist ein Verstärker

Nach diesem Projekt sehe ich KI vor allem als Verstärker.

Mit klarer Idee, Erfahrung und Architekturverständnis kann man unglaublich schnell Dinge bauen, die früher deutlich mehr Aufwand gekostet hätten.

Ohne diese Grundlagen produziert man dagegen nur schneller Chaos.

Pipeorama wäre ohne KI vermutlich nie in dieser Geschwindigkeit entstanden. Aber ohne menschliche Entscheidungen wäre es heute auch kein gutes Spiel.

Und vielleicht ist genau das gerade die spannendste Erkenntnis an der ganzen Entwicklung:

Die KI nimmt einem die kreative Arbeit nicht ab.

Sie macht sichtbar, wie wichtig sie eigentlich ist.

Was habe ich daraus für unsere Arbeit als Webagentur gelernt?

Es geht nicht nur darum, dass etwas funktioniert. Es muss vor allem Spaß machen. Es braucht Gefühl, Timing, Spannung und Flow. 
Und das gilt nicht nur für Spiele, sondern auch genauso für gute Unternehmens-Websites!

Die KI kann uns bei unserer Arbeit unterstützen. Aber sie hat kein Gespür dafür, wann eine Website begeistert statt langweilig und frustrierend zu sein.

Spiele jetzt Pipeorama direkt im Browser